Märchen-Anthologie: Sternenjahr und Märchenzeit

Leseprobe

„Dracon – auf der Suche nach einem Freund“

aus der Märchen-Anthologie: Sternenjahr und Märchenzeit. Karina-Verlag, 2017

http://www.karinaverlag.at

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Dracon war ein äußerst liebenswerter junger Drache, der sich
nichts mehr wünschte, als endlich einen Freund zu finden. Er
lebte als einziges Fabelwesen in der Menschenwelt. Doch die
Menschen hatten Angst vor ihm und flüchteten, wenn sie ihn
sahen. Sie kannten nur böse Mythen über Drachen, in denen hieß
es, Drachen wären böse und gemein. Woher sollten die
Menschen also wissen, dass Dracon ein freundlicher,
gutgesonnener Drache war?
Dracon reiste von Land zu Land und von Stadt zu Stadt. Immer
war er auf der Suche nach neuen Freunden, oder wenigstens
einem neuen Freund. Dracon wollte nicht mehr alleine sein, das
machte ihn schrecklich traurig.
Eines Tages flog er über einen großen Berg. Dahinter lag ein Tal,
wo viele Menschen in einem Dorf wohnten.

Dracon sagte zu sich: „Dort will ich neue Freunde finden!“ Er
landete in einem kleinen Wäldchen und fand auch gleich einen
Unterschlupf in einer Höhle. „Perfekt, ein Dach über dem Kopf!“,
dachte Dracon sich. In der Nähe befand sich ein Fluss, den er als
Wasserstelle nutzte. Es gefiel ihm hier. Und er beschloss, einen
Rundgang zu machen. Vielleicht fand er ja an diesem Ort einen
neuen Freund? Der Drache folgte einem Waldweg, der ihn direkt
zum Dorf führte. Hinter den letzten Bäumen am Waldrand, die ihn
vor den Blicken der Menschen schützten, blieb er stehen und
beobachtete eine Weile das Treiben am großen Platz.
Es war gerade Markttag, und die Händler versuchten ihre Ware
lautstark anzupreisen. „Frische Fische, kauft frische Fische!“, rief
ein stämmiger Mann. „Brot, frisches Gebäck! Na, wie wäre es?“,
bot eine junge Frau den Kunden an.

Dracon gefiel es, dass die meisten Menschen ein Lächeln auf
ihren Gesichtern trugen. Das sah man nicht so oft. Um den
Brunnen herum liefen die Kinder und spielten fröhlich miteinander.

Der stämmige Fischhändler nahm seinen Mut zusammen und trat
einige Schritte an Dracon heran. Er rief vorsichtig: „Wer bist du?“
Der freundliche Drache antwortete: „Mein Name ist Dracon. Ich
freue mich hier zu sein.“
Der Fischhändler entgegnete mit harter Stimme: „Was willst du
von uns? Wir haben dir nichts getan!“
Dracon wunderte sich ein wenig über die Aussage des Mannes,
aber eigentlich war er ruppige Antworten gewohnt. Er sagte ganz
ruhig: „Ich tu euch nichts! Ich suche nur nach neuen Freunden!“
Die Menschen am Marktplatz blickten sich erstaunt an. So etwas
hatten sie ja noch nie gehört: ein Drache, der Freunde finden wollte?
Der Fischhändler übernahm wieder die Rolle des Sprechers. „Das
klingt nett, aber wir haben so viel zu tun, dass wir gar keine Zeit
für Freundschaften haben. Bitte lass uns in Ruhe weiterarbeiten.“
Dracon verstand sofort. Das war eine nette Absage auf seine
Freundschaftsanfrage. Er war enttäuscht. „In Ordnung. Aber falls
jemand doch Zeit hat, findet ihr mich bei der Höhle im Wald oben!“

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Weiterlesen könnt ihr im Märchenbuch: Sternensand und Märchenzeit

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